Robert Walser

Ich bin begeistert, wie Robert Walser mit der Sprache umging, und ich behauptete gegenüber Frau H, den Roman ‚Geschwister Tanner‘ könne ich an beliebiger Stelle aufschlagen, mit einem Stift wahllos auf eine Stelle stossen und der dort aufgespiesste Satz, oder zumindest einer danach oder vorher, sei schön, ganz für sich allein, ohne Zusammenhang. Robert Walser schrieb den Roman 1906, 28 jährig. Hier ein Versuch mit 5 Sätzen, ohne Schummelei:

Ich halte es für ein Unglück, in der Stadt arm zu sein, weil man nicht bitten darf, da man fühlt, dass das Geben voll Güte nicht an der Tagesordnung ist. (direkter Treffer)

Man muss mit allem bekannt werden, und man lernt es nur kennen, wenn man es tapfer berührt. (direkter Treffer)

An einer Quelle, bei der er stets vorbeikam, löschte er jedesmal seinen grossen Durst und lag dann auf einer einsam gelegenen Waldwiese, bis ihn die Nacht daran erinnerte, endlich nach Hause zu gehen. (direkter Treffer)

Sie verbrachten plaudernd die Abende bei der Lampe und wurden nie des Redens müde. (ein Satz neben dem Zustossen)

Warum genügt es Dir nicht, auf festen Füssen zu stehen, musst du deinen Fuss noch auf den Nacken von Schwankenden und Suchenden setzen, dass sie noch mehr irr an sich werden und hinab taumeln in die Wellen des An-sich-selbst-Verzweifelns? (direkter Treffer)

Ich finde alle schön. Das Buch ist voll schöner Sprache.

5 thoughts on “Robert Walser

  1. Kann mir mal einer sagen, warum es bei uns nie Walser gab? Nicht in der Schule und schon gar nicht während des Studiums, als Kafka furchtbar modern war, dann noch Kafka und Kafka. Und Musil. Wedekind. Canetti. Ich sollte mal wieder meinen Bücherhorizont erweitern. Ein Germanistikstudium ist dafür jedenfalls nicht geeignet gewesen …

  2. Danke für die Inspiration!

    @Martina: Im Romanistikstudium hörte Gegenwartsliteratur meist beim 2. Weltkrieg auf … Ein Literaturstudium ist vorzüglich geeignet, einem das Lesen zu vermiesen …

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