Heuet und Zufriedenheit

wer nit im summer machet hew,
der lauft im winter mit geschrei
und hat zů samen gbunden seil
rüfend, das man im hew geb feil.

Sebastian Brant, Narrenschiff, 1494

Weniger gebräuchliche Wörter und Schweizerismen
sind am Fuss des Textes erläutert.

Letzte Woche war höchste Zeit, das nachgewachsene Gras zu schneiden und zu heuen. Heuen, Gras? Vermutlich die falschen Begriffe, Emden vielleicht, oder ist es auch für Emden bereits zu spät? Zudem standen da noch einzelne Inseln, die wegen der Wiesenblumen dieses Jahr noch nie unter die Sense gekommen waren, also erster Schnitt, folglich Heuen? Ich weiss es nicht. Vermutlich sind unter den Gras- und Milchwirtschaft treibenden Bauern, bei denen diese Art der Trockenfutterproduktion Tradition hat, um die Herde über den Winter zu bringen, noch ganz andere Wörter gebräuchlich für das, was wir Laien als Gras bezeichnen, mehrere Begriffe je für das stehende Gras auf der Wiese, dann für das ungetrocknet zu verfütternde Gras, für die verschiedenen getrockneten Formen, u.a. mein Heu und mein Emd , dann Silage, usw. Für uns ist alles Gras. Kennen die Stadtkinder alle das Wort Heu, von Emd oder Grummet schon gar nicht zu sprechen, oder ist für sie alles nur vertrocknetes Gras?

Die Inuit, oder Eskimos, hätten Dutzende von Wörtern für Schnee, klar, die haben ja nichts anderes zu reden, so wie unsere Bauern. Bei Reis essenden Asiaten hat Reis als Setzling, Reis wachsend und Reis reif auf dem Feld und Reis im Sack und Reis auf dem Tisch auch verschiedene Namen, für uns ist es immer Reis. Ich kannte das chinesische Wort für Reis vom Essen, und im Laden sagte dann die alte Dame, sie hätte keinen Reis im Angebot, nur den im Sack.

Bei dem Heuen, dem monotonen Tun also, nämlich bei dem Mähen, Zetten , Wenden, Mädle, Rechen und Einbringen, schweben die Gedanken in alle Windrichtungen wie beim Joggen und, bei mir so geschehen, auch in die tiefe Vergangenheit. Ich sah Bauer Harders unter der schweren Heulast ächzendes Pferdefuhrwerk mit den grossen eisenbeschlagenen Holzrädern, dem zuoberst über dem Heufuder liegenden Baumstamm, der mit Hanfseilen vorne und hinten niedergebunden war, um dem Fuder Halt zu geben, die fetten Ross-Brämen auf den schweissfeuchten Flanken der Pferde, wie diese sich in die Seile hängten und mit aller Kraft die Hufe in den Wiesenboden stemmten und denen vor Anstrengung die Adern unter dem kastanienbraunen Fell dick hervortraten.

Ich erinnerte mich an das Einbringen des Heus am steilen Bort auf dem Bergbauernhof bei Vetter Alfred im Appenzellischen, wo das Heu in grossen von weissen Leinentüchern umhüllten Ballen auf dem gekrümmten Rücken der Männer in die Scheune getragen wurde, hatte vor Augen, wie auch ich mich ans Bort setzte und mir ein Heu-Bürdeli auf den Rücken gerollt wurde, das ich dann keuchend zur Scheune hoch tragen durfte, nur dass mir die Heublumen im Genick unter das Hemd rieselten und am Rücken juckten, während die Männer weisse Heuer-Kutten mit Kapuze trugen, wie Wilhelm Tell auf dem Fünfliber.

Es sind mir schöne Erinnerungen an eine Zeit, in der vieles so anders war als heute, nicht besser, nicht schlechter. Leute gingen zur Arbeit, waren am Abend müde, hatten Familie und Kinder, kochten und buken wie wir heute, nur mit anderen Mitteln und weniger Geld, viele ohne Auto, ohne Fernseher, ohne Ferien in der Karibik, aber der Grad der Zufriedenen war vermutlich nicht geringer als heute.

Tendiert die Erwartung gegen Null, so strebt die Zufriedenheit gegen Unendlich. Ganz einfach.

Erläuterungen

  1. Heuet: das Heu einbringen/ernten
  2. Heu: getrocknete oberirdische Biomasse von Grünlandpflanzen, 1. Schnitt
  3. Emd: wie Heu, aber vom 2. Schnitt
  4. Grummet: Synonym von Emd
  5. Zetten: das gemähte oder angetrocknete Gras auf der Grasnarbe ausbreiten
  6. mädle (schweiz.) Schwaden machen, Mahde=Schwade
  7. Heufuder, Fuder (schweiz.): Heufuhre, Fuhre, Ladung
  8. Bräme (schweiz.) Bremsen, stechendes Insekt
  9. Bort (schweiz.): Abhang
  10. Vetter: Onkel
  11. Bürdeli (schweiz.): kleiner Ballen
  12. Fünfliber (schweiz.): Fünf-Franken-Münze

8 thoughts on “Heuet und Zufriedenheit

  1. Also, gerade gestern haben wir uns noch über das Heu unterhalten. Ganz früher, als wir noch Kinder waren, standen auf den Feldern noch richtige Heuhaufen. Später dann waren die Heuhaufen quaderförmig und lagen überall auf den Feldern herum. Heute sind es riesige, runde Rollen. Was kommt als nächstes?

    Mir als Ex-Studentin der Älteren Deutschen Literaturwissenschaft hast Du übrigens mit Brant eine große Freude gemacht. Ich sollte mich mehr mit dem Thema beschäftigen….

  2. Danke für das Glossar der schweizerdeutschen Begriffe. Unter „Emden“ hätte ich etwas ganz anderes verstanden (also nicht verstanden, denn was hat eine ostfriesische Kleinstadt auf einer Schweizer Wiese zu tun?) und „Bräme“ konnte ich erschließen, habe es aber noch nie gehört. Fünfliber auch nicht, der einzige pekuniären Schweizer Begriff, der mir fremd klingt, aber den ich kenne, ist „Stutz“, der wohl just die gleiche Münze beschreibt?

    Als Stadtkind sind mir diese Erinnerungen eher fremd, auch wenn ich Familie auf dem Land habe. Die hatten aber die Wiesen schon längst verpachtet und nur noch in der Scheune ein paar Hühner, Hasen und jedes Jahr ein neues Schwein, das dann vortreffliche Wurst wurde (und die Hasen hießen „Sonntagsbraten“ oder „Hasenpfeffer“). Aber auch meine Kindheitsumgebung ist längst nur noch Nostalgie. VW Käfer, Tante Emma-Läden, Straßenbahnschaffner … Älter werden bedeutet, über das Vergangene staunen zu lernen und das Besondere daran zu erkennen, das mag ich so daran.

  3. @Martina: Danke für Deinen Kommentar. Hier noch eine Richtigstellung zur schweizerischen Geldnomenklatur: 1 Fünfliber sind 5 Stutz, CHF 1000.- sind Tuusig Stutz und 1 Stutz ist bei manchen eher 1 Stützli, wobei das Stützli bei älteren Semestern anrüchig klingt, denn in den 70er-Jahren gab es in Zürich ein Lokal mit Stützli-Sex, wo Interessierte, vermutlich meist Männer, nach dem Einwurf von 1 Stützli für einige Minuten durch ein verspiegeltes Guckloch einer sich auf einem Drehteller liegenden Fell räkelnden jungen Frau zuschauen durften.

  4. @Jutta: Die Herkunft der Wörter fasziniert mich, so suchte ich nach Heu und fand im Grimm’schen Wörterbuch den alten Vers, nebst vielen anderen.

    @lamiacucina: Das Heu ist für die Hasen der Nachbarskinder und die Meerschweinchen einer (anderen) Schwiegertochter in spe. Habe aber auch vor, mich an Heusuppe zu versuchen, Heumantel höre ich zum erstenmal.

  5. Macht mich jetzt nicht stutzig, sondern schlau! Und nochmals einen Dank! Frau lernt nie aus. Ich lebe aber auch erst seit 16 Jahren schweiznah, das reicht nicht für nix. Chuchuchäschtli kann ich ohne Rachenmandeln ausspucken, klingt aber sicher trotzdem für Schweizer sehr ulkig …

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